09.02.2026
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Stiftung Großheppacher Schwesternschaft

Es muss knirschen - da ist Kirche lebendig!

Am 6. Februar sprach Martin Wendte, Citykirchenpfarrer aus Ludwigsburg, vor rund 80 Gästen im Andachtsraum des Mutterhauses. Eingeladen hatte ihn die Stiftung und die Evangelischen Erwachsenenbildung im Rems- Murr-Kreis. Anlass war die Auseinandersetzung mit dem Buch »Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt« Jan Loffeld. (Loffeld selbst war nicht anwesend); Wendte stellte dessen Thesen vor, ordnete sie ein und ergänzte sie durch eigene Überlegungen.

Loffelds These: Religiöse Indifferenz (Gleichgültigkeit) als Normalfall
Im Mittelpunkt stand Loffelds Diagnose einer Gesellschaft, in der Gott für viele Menschen keine spürbare Rolle mehr spielt, ohne dass dabei ein Mangel empfunden wird. Religion wird nicht unbedingt bekämpft, sondern ist für viele häufig schlicht irrelevant geworden. Diese Analyse widerspricht älteren kirchlichen Annahmen, wonach der Mensch im Kern religiös sei und in Krisenzeiten automatisch zur Kirche zurückfinde.

Loffeld argumentiert stattdessen mit empirischen Beobachtungen: Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen ist in weiten Teilen der Bevölkerung stabil. Das stellt Kirche vor eine grundlegende Herausforderung. Wenn Menschen nichts vermissen, reicht es nicht, Angebote nur besser zu kommunizieren oder leicht zu reformieren.

Wendtes Ergänzung: Institution bleibt notwendig
Martin Wendte griff diese Diagnose auf, setzte jedoch einen eigenen Akzent. Auch unter Bedingungen wachsender Indifferenz brauche es institutionelle Kirche. Sein Argument war pragmatisch: Breite Angebote für unterschiedliche Altersgruppen – von Kindern über Familien bis hin zu älteren Menschen – entstehen nicht ohne Struktur. Verlässliche Räume, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende, Organisation und Kontinuität setzen eine institutionelle Form voraus. . »Eine Kirche, die sich ausschließlich als loses Netzwerk versteht, könnte diese Breite kaum dauerhaft gewährleisten«, so Wendte.

Zugleich zeigte sich Wendte realistisch: Wie Kirche in Zukunft konkret aussehen soll, ließ er offen. Es gebe keine fertige Blaupause. Die gegenwärtige Situation sei vielmehr von Unsicherheit geprägt. Kirche muss der Ort für vielfältige Angebote sein, die alle Altersgruppen anspricht. Als Beispiel führte er die sehr gut besuchten Kellergespräche im Keller der Friedenskirche an, in denen Psychotherapeut Joachim von Lübtow mit Männern und Frauen in die Welt der Märchen eintaucht, die voller Lebensweisheiten stecken.

„Es muss knirschen“ – Reibung als Entwicklungsprinzip
Ein prägnanter Satz des Abends lautete: „Es muss knirschen.“ Gemeint war damit, dass Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche nicht nur unvermeidlich, sondern notwendig seien. Unterschiedliche Vorstellungen über Liturgie, Gemeindeleben, Strukturen oder theologische Akzente dürften nicht vorschnell harmonisiert werden. Reibung zwingt zur Klärung. Sie fordert dazu heraus, Positionen zu begründen. Sie verhindert Beliebigkeit. Ohne Spannungen entsteht keine Weiterentwicklung.

Zwischen Diagnose und Suche
Der Abend machte deutlich, dass die Analyse religiöse Indifferenz ernst zu nehmen ist und auch die zuhörenden Gäste schlossen sich im Anschluss des Vortrags der Meinung an, dass institutionelle Strukturen für eine breite kirchliche Arbeit bedeutsam bleiben. Die zukünftige Gestalt von Kirche ist offen. Das Fazit des Abends: Vielleicht liegt gerade darin eine realistische Perspektive: Kirche nicht als fertiges Modell zu denken, sondern als Suchbewegung. Dass es dabei knirscht, ist dann kein Zeichen des Scheiterns – sondern Ausdruck des Lebendig seins.