27.11.2013Evang. Fachschule für Sozialpädagogik

Raum - der dritte Erzieher!

Raumerlebnis in Stuttgart

Zwei Erlebnisweisen - Kant nennt sie Formen der Anschauung – bilden den Rahmen menschlicher Erfahrung: Raum und Zeit. All unser sinnliches Erleben und Erkennen spielt sich innerhalb dieser Grenzen ab. Die Formel vom Raum als „drittem Erzieher“, die aus der Reggio-Pädagogik stammt, ist in aller Munde. Dabei scheint niemand so genau zu wissen, wer eigentlich die beiden anderen Erzieher sind: die Eltern und die ErzieherInnen, die anderen Kinder oder die „soziale Umwelt“ etc.? Fest steht, dass der Raum zwei Hauptaufgaben erfüllt: „Er gibt Kindern Geborgenheit (Bezug) und zum andern Herausforderung (Stimulation)“. (TASSILO 2013)
Im pädagogischen Diskurs reduziert sich die Frage nach dem Raum meist auf den Innenraum der „Kita“ und hier v.a. auf funktionale Aspekte: wie soll ein pädagogische sinnvoller Raum für Kinder aussehen? (TASSILO 2013)
Dabei stellt sich die Frage nach dem Raum in viel umfassenderer Weise: 50% und mehr unserer Wachzeit verbringen wir und unsere Kinder im öffentlichen Raum, den Rest zuhause, sowohl im Außenraum, als auch in Innenräumen. Diese Räume erziehen uns praktisch rund um die Uhr. Christian RITTELMEYER (2002) hat die Wirkung von Schulgebäuden mit dem statistischen Verfahren „Semantischer Differentiale“ untersucht und eine eindeutige emotionale Wirkung auf den Betrachter nachweisen können. Auch die „Neuro-Ästhetik“ hat Belege, dass Architektur unmittelbar auf uns wirkt, indem sie Stoffwechselprozesse in Gang setzt, die sich als „Wärmegefühl“ oder „Kältegefühl“ physiologisch nachweisen lassen.
Es ist also keineswegs unbedeutend, mit welcher Art von Architektur wir uns und unsere Kinder umgeben, im Gegenteil: Raum wirkt, weil er "Wirklichkeit" besitzt. Wenn wir ein gesellschaftliches oder pädagogisches Bewusstsein für Raum schaffen wollen, müssen wir mit der Raumwahrnehmung beginnen.
Im Fach Holzwerken sind wir stilgeschichtlichen Betrachtungen durch die Baugeschichte des Abendlandes nachgegangen. Im Vergleich zwischen „Gründerzeitarchitektur“ und „Bauhausarchitektur“ konnten wir Kriterien finden, die positiv oder negativ auf uns wirken. Bevor wir uns der Gestaltung eines öffentlichen Platzes mit Holzmodell-Fassaden zuwenden, haben wir am Mittwoch, den 20.11.13 vor Ort in Stuttgart den öffentlichen Raum auf uns wirken lassen. Vor allem im Heusteigviertel gibt es teilweise gut erhaltene Stadtraumensembles aus der Gründerzeit. Als Kontrastprogramm besuchten wir eine Führung im Weißenhofmuseum, im Le-Corbusier-Haus.
„Raum als Erzieher“ ist demnach viel mehr als die „Kletterecke“ in der KITA. Wenn wir „ästhetische Erziehung“ dem Wortsinn nach als Erziehung zur Sinneswahrnehmung begreifen, kann es gelingen, ein Bewusstsein für Raum und dessen Wirkungen zu schaffen, und vielleicht hat das in der nächsten Generation Auswirkungen auf die Architektur, die uns dann umgibt.
Johannes Föll-Hilbrig

Ausdruck vom 25.11.2017
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